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stories:tau_ceti:survived

Überlebt!

Ethan Kuslowsky erwachte an diesem Tag bereits das zweite mal aus tiefer Bewusstlosigkeit und hatte nun gewaltige, stechende Kopfschmerzen, Blut lief ihm aus der Nase und der Rest seines Körpers fühlte sich wie von einem Lokalanästhetikum betäubt an. Ihn umgab fast völlige Dunkelheit, nur ein beschädigtes Panel flackerte in Kopfhöhe und ein beunruhigend helles, periodisches Piepsen machte ihn penetrant auf einen blinkenden grünen und mit „EXIT“ beschrifteten Schalter aufmerksam.

Bevor er nun diesen Knopf drückte, wollte er rekapitulieren, was ihn in diese Situation gebracht hatte und was ihn eigentlich nach Drücken des Buttons erwarten würde. Vor seinem ersten Erwachen in einer Cryo-Kammer des Terraforming- Raumschiffs Anita hatte er einige Monate im Tiefkühl - Koma verbracht. Er hatte auf der Anita als Terraforming-Ingenieur und Siedler angeheuert, um beim Aufbau einer ersten Forschungsstation auf einem habitablen Mond im Tau Ceti System zu helfen. Nur ein Teil der 400- köpfigen Besatzung der Anita sollte dauerhaft als Siedler auf dem Mond bleiben, ein weitaus größerer Teil würde nach getaner Arbeit wieder zum Mars oder der Erde zurückkehren.

Ethan war bereits eine Weile auf dem Mars, nachdem er sich von seiner Frau getrennt hatte und sich auf der Erde wegen vieler unbezahlter Rechnungen, Betrügereien und Streitereien verfolgt sah - weitere Verfolgung musste er auch bereits auf dem Mars fürchten. Das Angebot sich weiterer Verfolgung mittels eines One-Way-Tickets in eine 12 Lichtjahre entfernte und noch weitgehend unbekannte Welt zu entziehen ging er also trotz unbekannter Risiken bereitwillig ein. Er vermutete, das die Situation bei den andren Siedlern ähnlich war - Helden oder Gewinner-Typen waren da sicher kaum dabei - nur Gescheiterte wie er selbst.

Aber nun saßen sie alle gemeinsam in einem gewaltigen Schlamassel - auch der Captain und seine Herren Offiziere - alle lagen nun in mehr oder weniger kaputten Rettungskapseln irgendwo auf dem unbekannten Mond herum und würden nun damit auf nicht absehbare Zeit nur mit dem täglichen Überleben beschäftigt sein. Er verfluchte diese Kosmonauten-Elite und ihre Auftraggeber, die aus seiner Sicht sicher daran schuld waren, dass er hier nun halbtot und blutend in einer zerbeulten Blechdose hing und noch weniger Perspektiven als auf Erde oder Mars hatte.

Ihm steckte noch der Schock vom ersten Aufwachen und dem Chaos auf der abstürzenden Anita in den Knochen, wo sich die Menschen um die letzen unbeschädigten Raumanzüge stritten und noch halb betäubt vom langen Cryo- Schlaf zu den Rettungskapseln drängten, während die Außenhülle des Schiffs bereits kreischend nachgab und diese Lärmkulisse sich mit dem hysterischem Geheul des Alarmsystems mischte. Der Weg zu den Rettungskapseln war bereits teilweise mit zerborstenen Deckenplatten und verbogenen Wandelementen blockiert, die automatischen Türen klemmten, Funken sprühende Kabel fielen von der Decke und Ethan überlebte nur, weil er sich mit einem herunter gefallenem Rohrstück als Brecheisen seinen Weg bahnte und ein paar Kabelverbindungen notdürftig flickte. Die letzten Meter schlug er sich damit den Weg zu einer noch freien Rettungskapsel frei und gehörte nun zu den wenigen Überlebenden - wie viele der anderen Reisenden das auch sagen konnten, interessierte ihn nicht wirklich.

Er war es nun leid, hier weiter „abzuhängen“ und wollte hier nicht noch verdursten oder verhungern - seine letzte Mahlzeit hatte er ja Monate zuvor und seine trockene Zunge klebte am ebenso trockenem Gaumen fest. Er drückte den Knopf und kippte nach vorne in den kleinen Krater, den die Rettungskapsel hinterlassen hatte. Er spürte seine Beine nicht, konnte aber durch den Matsch zum Krater-Rand robben. Irgendwo da oben sollte zwischen anderen Trümmern auch eine Überlebensausrüstung liegen, die Medikamente, Wasserflaschen, Nahrungskonzentrat und die wichtigsten Werkzeuge enthalten sollte. Sein Raumanzug schien jedenfalls auch noch intakt und dicht zu sein- zumindest war er noch nicht erstickt und hatte noch genug Atemluft. Mit etwas Glück konnte sein Raumanzug auch aus der Atmosphäre des Monds genug atembare Luft gewinnen.

Als er über den Krater-Rand blickte erblickte er eine Welt, die er noch nie sah - eine Welt voller Leben. Der Mars war eine kalte, öde Sandkiste ohne jegliches Leben auf der Oberfläche, die Siedler mussten sich eingraben, um bei den kleinsten Meteoriteneinschlägen nicht die kostbare Atemluft zu verlieren, denn die dünne Mars-Atmosphäre enthielt nicht den lebenswichtigen Sauerstoff. Wasser gab es auch nur tief im Boden. Durch Klimakatastrophen und Kriege war die wohl einst lebenswerte Umwelt der Erde aber auch nicht viel besser. So etwas wie dies hier hatte Ethan in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen - schon gar nicht in den Städten der Erde, wo man allenfalls ein paar vertrocknete Büsche oder Baum-Skelette fand.

Dieser Anblick gab Ethan neue Kraft und Hoffnung, er kam noch etwas zittrig wieder auf die Beine und das HUD (head up display) seines Raumhelms wies neben dem noch hinreichend guten Gesundheitsstatus noch den Weg zum Container mit der Überlebensausrüstung. Als Ethan sich umsah, fand er neben Bäumen voller Früchte auch von Erzadern durchzogene Felsen, Pfützen mit schmutzigem Wasser, über dem Insekten kreisten - obwohl Ethan ein Stadtmensch war, erkannte er, dass er hier alles Überlebens-Notwendige und genügend Baumaterial finden würde, um sich eine schlichte Unterkunft zu bauen. Dazu benötigte er aber erst einmal eine bessere Ausrüstung.

Der Container war eine wahre Goldgrube; darin fand er je vier Flaschen sauberes Wasser, vier Notrationen,​ drei Schlafsäcke,​ zwei Verbandskästen,​ drei Batterien für den Raumanzug und ein Überlebenshandbuch. Das Beste waren aber ein Multiwerkzeug,​ ein Jetpack und ein Notfall- 3D-Drucker. Damit konnte er alle wichtigen Ressourcen abbauen, die er hier fand und daraus Komponenten für weitere Werkzeuge oder Baumaterialien „​drucken“​ und war in der Umgebung hinreichend beweglich um nach weiteren Ressourcen zu suchen. Das würde zwar eine ganze Weile und viel Arbeit erfordern, aber er hatte eine reelle Chance hier nicht nur zu überleben, sondern sich recht „komfortabel“ einzurichten.

Er löschte seinen Durst, aß eine Notration und kam schnell wieder zu Kräften. Der Raumanzug meldete eine erträgliche Umgebungstemperatur und atembare Luft, sodass Ethan sich trauen konnte auch den Helm eine Weile abzunehmen, während er seine Kopfwunde versorgte.

Nun kam es also vor allem darauf an, sich sauberes Wasser und verdauliche Nahrung zu beschaffen, denn die Notrationen würden nur ein paar Tage reichen. Baupläne für die vielen benötigten Bauelemente fand Ethan im Handbuch des 3D- Druckers; jetzt hieß es die zum Betrieb des 3D-Druckers benötigten Rohstoffe, also Biomasse, Holz und einige Erzbrocken zu sammeln. Dank bereits bekannter Alien-Technologie konnte der recht kompakte Notfall- 3D-Drucker zumindest alle Komponenten für Metallplatten einer Behausung, einen mit Biomasse betriebenen Stromgenerator,​ einen Wasser- und Nahrungsaufbereiter,​ ein kleines Gewächshaus und schließlich einen leistungsfähigeren 3D-Drucker herstellen. Das Sammeln der benötigten Rohmaterialien und das Drucken aller benötigten Bauteile hatte Ethan bereits in drei Tagen und Nächten harter Arbeit erledigt und so die wichtigsten Überlebens-Voraussetzungen geschaffen.

Die Suche nach genügend Wasser für das Gewächshaus war wegen der Höhe des „Landeplatzes“ schwierig, Ethan musste mit dem Jetpack in ein benachbartes Tal fliegen und konnte dort ein Loch für einen Brunnen graben, um auch dies Problem zu lösen. Etwas Schlepperei musste er in Kauf nehmen, denn er durfte sich nicht zu weit von der Rettungskapsel entfernen, die ihm noch Schutz vor Gefahren bot, bis er sich eine bessere Behausung gebaut hatte. Im Tal fand er auch einige gigantische Bäume, aus denen er viel Holz gewinnen konnte.

Nach diesen Erfolgen begann Ethan sich in der neuen Welt wohl, ja besser als in der einengenden Welt auf dem Mars oder der Erde zu fühlen. Hier schien er einen ganzen Planeten für sich erobert zu haben, den ihm niemand mehr streitig machen würde. Nun- das würde sich bald ändern, denn er war schließlich nicht der einzige Überlebende hier und auch der Planet selbst war voller Gefahren, mit denen Ethan einfach noch nicht konfrontiert worden war. Aber nun war er von der harten Arbeit erschöpft, aber Hunger und Durst waren überwunden und Nahrung und Wasser standen ihm fast unbegrenzt zur Verfügung - ganz anders als auf dem Mars. Er rollte sich in einem der Schlafsäcke zusammen und fiel nach sehr langer Zeit in einen tiefen, erholsamen Schlaf - im scheinbaren Paradies.

stories/tau_ceti/survived.txt · Zuletzt geändert: 2018/09/21 16:45 (Externe Bearbeitung)