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stories:entruempelung

Entrümpelung

Bevor Jane mit Sir Peter in Pfalzgrafenstein einzog, war sie natürlich schon einige Male da gewesen, denn das Wachhaus stand schon längere Zeit leer, auch wenn die gröbsten Renovierungsarbeiten bis hin zu Wasser- und Elektroinstallationen weitgehend abgeschlossen waren, bevor den Investoren das Geld ausging und alle Arbeiten eingestellt wurden. Das Wachhaus war durchaus bewohnbar, wenn auch vor allem im Erdgeschoß immer noch mit allerlei Schutt und Gerümpel aus allen Zeitaltern angefüllt, das entweder bei den Bauarbeiten angefallen, oder an anderen Stellen des Schloßes im Weg war.

Irgendeinmal wurde das Wachhaus vielleicht auch einmal als Geräteschuppen der Gärtner genutzt, denn in einer Ecke stapelten sich Gartengeräte aller Art, unzählige Rechen, Harken, Hacken und Spaten, Feuerholz und ein großer Schlauchwagen.

Jedenfalls war das Erdgeschoß auch jetzt noch, direkt nach Jane's Einzug ein Chaos aus Schmutz und ein Refugium für Ungeziefer. Jane's Toleranz hinsichtlich Schmutz war sehr groß, aber die vielen Krabbeltierchen aller Art, daß es in all dem Schutt da unten wohl mehr als genug gab, mochten für Sir Peter interessant sein- Jane lief bei dem Gedanken daran, dort morgen aufräumen zu müssen ein kalter Schauer den Rücken herunter.

Sicher war sie auf dem Land aufgewachsen und erst später zu einem Stadtmenschen geworden, aber der Gedanke an die vielen Mäuse, Spinnen, Schaben -vielleicht sogar Ratten- die es da ganz in der Nähe ihres Schlafplatzes auf dem Fußboden des ersten Stocks im Wachhaus gab und sie dort vielleicht im Schlaf besuchen kamen, beunruhigte sie doch soweit, daß sie schlecht einschlafen konnte.

Vielleicht fühlte sie sich auch einfach nur nicht heimisch und die Ungewissheit, was sie in den nächsten Wochen hier erwarten würde taten ein übriges. Schließlich dachte sie sogar an Schloßgespenster und lachte, weil sie begriff, in welch irrationale Richtung ihre Gedanken und Ängste bewegten.

Schließlich fiel Jane dann doch in einen dumpfen traumlosen Schlaf- die Kistenschlepperei beim Einzug hatte also doch etwas Gutes.

Spinnerei

Sie erwachte in einem Spinnennetz. Sie ekelte sich sehr vor Spinnen und Insekten aller Art- auch wenn sie genug Mut aufbrachte, selbst die dicksten Spinnen mit einem Schuh zu erschlagen. Dazu hatte sie bei ihren ersten Besuchen im efeuumrankten Wachhaus schon genug Gelegenheit gehabt- Spinnen liebten Efeu und kamen jetzt im Herbst noch lieber in die trockenen, warmen Häuser.

Nun war sie aber wohl selbst eine Spinne- eine ganz kleine, unscheinbare aber nicht minder ekelhafte. Nachdem Jane den Ekel gegen sich selbst -wohl oder übel- halbwegs überwunden hatte, inspizierte sie ihr schönes Radnetz. Das sollte also ihre zukünftige Heimat sein.

Das Netz wirkte sehr stabil und komfortabel (aus Perspektive einer Spinne) und war an einem Rad des Schlauchwagens im Erdgeschoß befestigt. Jane erinnerte sich daran, daß sie bei einem ihrer früheren Besuche dort mit viel Ekel Spinnweben entfernt und auch eine besonders fette Spinne getötet hatte. Gottseidank war der Schlauchwagen ja hier im Erdgeschoß sicher aufgehoben, so konnte sie sich in ihrer neuen Existenz als Spinne sicher fühlen.

Sie sah sich die Befestigung des Netzes an. Am unteren Teil war das Netz mit der Radachse verbunden, am oberen Teil mit recht vielen Speichen des Rades. Nun - sie fügte sich in ihr Schicksal und wurde bald soweit zu einer richtigen Spinne, daß sie sich in diesem Netz wohl fühlte und es noch komfortabler ausgestaltete.

Jane war nach langer Zeit wieder glücklich. Das Leben einer Spinne war so schön einfach- man saß im Netz und hörte seine Schwingungen- eine wunderschöne Melodie- wie eine Windharfe. Mann mußte nur auf ein paar Fliegen oder andere Insekten warten, die gelegentlich im Netz hängenblieben. Als Spinne mußte man sich jedenfalls keine großen Gedanken machen, jegliche Spinnerei endete mit soliden Seidenfäden aus dem Hinterleib.

So gab das Netz ihr Schutz und Nahrung, ja Geborgenheit, Vögel die gefährlich werden konnten kamen nicht ins Wachhaus und außer Sir Peter gab es hier kein Raubtier, daß sich für eine kleine Spinne interessiert hätte und außer Jane hatte hier auch kein Mensch Zutritt.

Eines Tages- als Jane schon fast vergessen hatte, daß sie jemals einmal etwas andres als eine Spinne war, näherte sich eine Gestalt dem Schlauchwagen. Da machte sich die kleine Spinne noch keine Gedanken. Die Gestalt begann nun aber, den Wagen zur Tür zu schieben- vielleicht um hier im Erdgeschoß endlich mal Klar Schiff zu machen.

Nun wickelten sich die unteren Ankerfäden des Spinnennetzes um die Radachse des Schlauchwagens. Das Netz zog sich zusammen und die Spinne -also Jane- wurde im eigenen Netz gefangen und wohl in Kürze in den Spalt zwischen Achse und Radnabe gezogen und dort zerquetscht.

Als Jane das erkannte, schrie sie zu der Gestalt, die den Wagen zog: „Warum tust Du das? Zerstörst mein Heim? Vernichtest mein Leben? Was habe ich Dir getan?“.

Die Gestalt reagierte aber nicht und zog weiter. Erst als irgendwas- vielleicht besonders zähe Spinnfäden oder schon Körperteile der kleinen Spinne- das Rad behinderten, drehte sie sich um.

Die Gestalt sah die Spinnweben und Spinne voller Ekel an.

Da letzte, was die kleine Spinne sah, war das vom Ekel verzerrte Gesicht dieser Gestalt.

Natürlich war es Janes Gesicht, daß da voller Ekel und Haß die kleine Spinne und die Reste ihres bis vor kurzem so kunstfertig und in wochenlanger Arbeit ausgestaltetem Netz ansah.

Als sich bereits Dunkelheit um die kleine Spinne ausbreitete, erwachte Jane schweissgebadet aus ihrem Traum- erwachte von ihrem eigenem Schrei. Im fahlen Mondlicht funkelten nur die smaragdgrünen Augen von Sir Peter, der aber sofort blinzelte, als er Jane's Blick wahrnahm.

Sie verstand diese beruhigende Geste und konnte bald wieder einschlafen, obwohl sie dieser Traum sehr verwirrte und beunruhigte- denn sie träumte ihn nicht zum ersten Mal.

Ein Scheusal verfolgte sie seit Jahren in ihren Träumen- sie kannte es nur zu gut.

Aber wie gut kannte sie sich selbst denn überhaupt?


Schlafen! Vielleicht auch träumen! – Ja, da liegt's:
Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen,
Wenn wir den Drang des Ird'schen abgeschüttelt,
Das zwingt uns stillzustehn. Das ist die Rücksicht,
Die Elend lässt zu hohen Jahren kommen.
((William Shakespeare, Auszug aus dem Monolog von Hamlet)) 
stories/entruempelung.txt · Zuletzt geändert: 2018/09/21 16:45 (Externe Bearbeitung)