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computerstories:simmersbach

Simmersbach

Thomas saß am Ufer des Sees und ließ die Beine vom Bootssteg ins Wasser baumeln. Er ließ die Stimmung dieses schönen Junitages auf sich wirken und beobachtete die vielen Schwäne und Enten auf dem See. Hinter dem See sah er die Kirche von Simmersbach, einem etwas verschlafenen, malerischen Dorf in der Nähe von Fulda.

Thomas war Programmierer für ein Softwarehaus in Bebra. Er hatte lange gesucht, bis er in dieser landschaftlich schönen, aber armen Gegend einen Job gefunden hatte. Wer von Südhessen hierher kam, fühlte sich in der Zeit zurückversetzt. Der High-Tech Kult und die Hektik der Städte waren noch nicht bis hierher vorgedrungen, man lebte noch geruhsam in Simmersbach, außer Landwirtschaft gab es hier nicht viel, die großen Städte im Südwesten mit ihrer Hektik waren den Einwohnern suspekt.

So war Thomas froh, daß er hier einen Job in seinem modernen Beruf als Programmierer bekam, denn er war kein Stadtmensch und wäre um nichts in der Welt von hier weg gezogen. Er liebte die Ruhe und Schönheit seiner Heimat und er liebte seinen Beruf. Thomas hatte mit seinem Job wirklich viel Glück gehabt, denn seine Programmier-Aufträge waren genau nach seinem Geschmack. Er brauchte sich nicht wie die meisten seiner Kollegen mit langweiligen kommerziellen Branchenlösungen zu beschäftigen, nein er hatte viel kreativere Aufgaben. Er war ein Spezialist für Simulationsaufgaben.

Er arbeitete gerade an einer sehr detaillierten Simulation des gesamten Ökosystems im Raum Fulda. Da er seine Heimat liebte, steckte er seinen ganzen Ehrgeiz in die Aufgabe, ein möglichst naturgetreues Abbild seiner Umgebung in das Modell zu projizieren. Nun fühlte sich ein bißchen wie Gottvater am siebten Tag der Schöpfung, denn er war endlich fertig geworden.

Ihn interessierte nicht, wer der Auftraggeber war, und was dieser mit einer so aufwändigen Simulation bezweckte, machte sich keine Gedanken, wer ein Interesse an seinem Dorf und dessen hinterwäldlicher Umgebung haben könnte. Nein, er hatte eine Aufgabe, die ihm Spaß machte und er bekam auch noch viel Geld dafür. Außerdem konnte er, ja mußte er im Dorf bei seinen Leuten bleiben, war mit seinem hochdotierten Job auch noch ein angesehener Mann, trotz seiner Jugend.

Letzte Woche war er mit seinem Projekt fertig und hatte es abgeliefert, jetzt hatte er erst einmal zwei Wochen Urlaub und konnte sich ausruhen, die Natur auf sich wirken lassen. Er legte sich auf den Rücken und sah Schäfchenwolken über sich hinwegziehen. In der Ferne hörte er einen Traktor vorbeifahren. Er dachte an den Bauern und daran, wie gut er, Thomas, es doch hatte. Die Bauern hier schufteten von früh bis spät auf ihren Feldern und in den Ställen und hatten dennoch nur Schulden, mußten Handlangerarbeiten in den wenigen Fabriken dieser Gegend finden, um sich über Wasser zu halten. Er arbeitete zwar ein paar Wochen verbissen an einem Projekt, hatte dann aber auch ein paar Wochen, in denen er es sich gutgehen lassen konnte. Trotzdem hatte er mehr Geld, als man in dieser Gegend überhaupt ausgeben konnte.

Er dachte nun doch darüber nach, was wohl der Auftraggeber mit dem Simulationsprogramm machen würde. Er war natürlich nicht der einzige, der an diesem großen Projekt gearbeitet hatte, das war sicher. Er entwickelte nur die Simulation der Umgebung von Simmersbach, denn er war der richtige Mann, denn er kannte die Gegend wie seine Westentasche. Deshalb hatte man gerade ihm auch diesen Auftrag gegeben, die Aufgabe des vollständigen Programms kannte niemand in der Firma. Er erhielt nur eine Schnittstellenbeschreibung und Spezifikation des Moduls Simmersbach. Auftraggeber war eine große amerikanische Elektronikfirma mit Sitz in Wiesbaden, die nicht durchblicken ließ, was hier eigentlich entstehen sollte.

Sein Chef war ganz aus dem Häuschen, denn einen so prominenten Auftraggeber hatten sie noch nie gehabt und er hoffte natürlich auf Folgeaufträge. Auch tat es dem Image des kleinen Softwarehauses gut, einen solchen Auftraggeber zu haben. Auch Thomas freute sich auf Aufträge dieser Art, sie machten nicht nur Spaß, sondern verhalfen ihm zu einem gesicherten Arbeitsplatz, denn er machte seine Sache gut. Er dachte lächelnd an die Akribie, die Liebe, mit der er in das Projekt hineingesteigert hatte.

Alles was er hier um den See herum sah, existierte auch in seinem Programm. Der Bauer da drüben auf dem Feld, die Arbeiter im Sägewerk, Herr Ohlmann in seinem Lebensmittelgeschäft. Er dachte darüber nach, was in seiner Simulation gerade passieren würde. Weit hinter den Bergen hörte er ein Donnern. Er setzte sich auf und sah hinüber. Das Wetter sah nun wirklich nicht nach Gewitter aus. Sicher war das wieder so ein überschallknall von einem dieser verdammten Düsenjäger, dachte er.

In der Nähe war ein amerikanischer Militärflugplatz und man mußte zu den unmöglichsten Zeiten mit überraschenden Scheinangriffen rechnen. Er dachte daran, wie er neulich sogar in den See fiel, als so ein Ding hundert Meter über ihm hinwegraste. Diesmal war er vorbereitet. Grimmig schaute er zu den Bergen. Diese Dinger passten so gut in diese Landschaft wie ein Fuchs in einen Hühnerstall. Das Rumpeln wiederholte sich, kam langsam näher. Nun sah er sie kommen. Zweistrahlige Deltaflügler, seltsam kantige Dinger wie große Mantarochen, solche hatte er bisher hier noch nie gesehen. Die Jäger flogen mit unverminderter Geschwindigkeit in Richtung Stützpunkt. Seltsam, wollen die nicht landen, dachte er. Nun erhob sich vom Stützpunkt eine ganze Staffel Phantoms. Die Deltaflügler schoßen mit Raketen auf die Phantoms. Komische Übung, dachte Thomas.

Eine Phantom wurde getroffen und fiel brennend herab. Thomas bekam ein flaues Gefühl in der Magengegend. Die Phantoms erwiderten jetzt das Feuer, die Sirene im Spritzenhaus von Simmersbach begann zu heulen. Dreimal wiederholte sich das an- und abschwellende Sirenensignal innerhalb der folgenden Minute. Thomas wußte, was das zu bedeuten hatte. Dies war keine Übung.

Er sprang auf und begann zu laufen, ohne zu wissen wohin. Er kam nach Simmersbach, wo das totale Chaos herrschte. Autos stießen zusammen, Leute liefen durcheinander. Alle begriffen die Lage, doch keiner kannte einen Ausweg. Thomas lief zu seinem Haus, wo seine Frau ziellos durch den Garten stolperte. Die gerade aufgehängte Wäsche bewegte sich nur sanft im Wind und war das einzige, was nicht in totaler Unruhe war. Er lief gerade auf seine Frau zu, als eine neue Sonne über dem Stützpunkt erstrahlte.

Tausendmal heller als die altbekannte, strahlte sie nur für ein paar Sekunden. Das letzte was Thomas sah, war jenes unbarmherzig helle Licht. Seinen Schatten an der Hauswand konnte niemand mehr sehen. Fünf Sekunden lang zeigte die Hauswand ein Abbild von Thomas, seiner Frau und der Wäsche an der Leine, von Dingen, die sich inzwischen zu brennenden Aschewolken geworden waren. Dann aber kam das Erdbeben, welches nicht nur diese Hauswand nieder walzte. Eine Minute später war auch das vorbei. Der See war verdampft, und wo eben nach ein kleiner, malerischer Ort namens Simmersbach war, dehnte sich eine Einöde aus geschmolzenem Glas und rauchenden Baumstümpfen aus. Ein Furchtbarer Sturm blies den radioaktiven Staub nach Südwesten, zu den großen Städten.

Vandenberg Air Force Base

General Cluster blickte vom Grafikbildschirm auf und nickte zufrieden. Der Angriff der Roten konnte wieder einmal erfolgreich abgewehrt werden. Nur das Gebiet um Fulda herum mußte mit taktischen Kernwaffen belegt werden und der Stützpunkt Simmersbach mußte aufgegeben werden. Die Verluste der Roten dagegen waren niederschmetternd. Sie hatten drei Panzerdivisionen und einen Großteil ihrer Luftwaffe verloren. Sie würden an einer weiteren Eskalation nicht interessiert sein. Es würde keinen Krieg gegen die USA geben, denn die Roten würden den kürzeren ziehen.

General Cluster Fragte sich nicht, ob die Roten überhaupt ein Interesse daran hatten, anzugreifen. Das stand für ihn völlig außer Frage. Außerdem konnte es ja nicht schaden, den dritten Weltkrieg im Computer zu simulieren, denn es entstand ja in der Realität kein Schaden. Im Computer ließ sich der Krieg beliebig oft wiederholen, immer andere Strategien konnten ausprobiert werden, ohne dass man auch nur einen Cent verlieren konnte.

Der Zehnmillionen-Dollar Computer war sowieso da, er mußte ja für irgend etwas benutzt werden. Er würde dasselbe kosten, auch wenn keiner ihn benutzen würde und hätte man ihn nicht angeschafft, hätte die Army im nächsten Jahr weniger Geld zur Verfügung. Nein, Cluster hatte keine Skrupel, dieser simulierte Atomkrieg im Computer war eine gute Sache, ein Segen für die Menschheit.

Cluster spürte ein Gefühl der Hochachtung Für die Programmierer, die eine so perfekte Illusion erzeugt hatten. Im Geiste sah er noch einmal die Druckwelle, wie sie über Simmersbach hinwegfegte, irgend so einem namenlosen Kaff da drüben im „Fulda Gap“ von Old-Germany. Er dachte zum ersten Mal kurz an die Leute, die dort leben mußten. Sicher ganz hoffnungslose Hinterwäldler, dachte er.

Die Simulation machte ihm Spaß. Mit welcher Ästhetik die Atompilze auf dem Bildschirm wuchsen, wie realistisch! Cluster wollte die schöne Grafik mit den 40000 Rot -und Gelbtönen noch einmal sehen und startete die Simulation erneut. Auf dem Bildschirm erschien Simmersbach aus der Vogelperspektive. Ein Mann saß am Ufer eines kleinen Sees und baumelte mit den Beinen im klaren Wasser. Im See schwammen Enten und Schwäne. Der Mann schaute zu ihnen hinüber und lies dann den Blick über das Dorf wandern. Es war ein schöner Junitag, ein Traktor fuhr über die Felder.

Der Mann schien nachzudenken und sah entspannt und mit sich selbst zufrieden aus.

computerstories/simmersbach.txt · Zuletzt geändert: 2018/09/21 16:45 (Externe Bearbeitung)